Einiges zum Kalterherberger Brauchtum!

Im Laufe der Besiedlung unserer landschaftlich kargen Gegend am Hohen Venn haben die Kalterherberger erfahren, dass sie nur als Teil in möglichst großen Gemeinschaften überleben können.

Folglich wurde die gegenseitige Hilfe zu bestimmten Anlässen zum ungeschriebenen Gesetz und irgendwann zum Brauchtum. Als Lebensgrundlage betrieben die meisten Familien Land- und Viehwirtschaft. Dazu wurde bei der Geburt eines neuen Kalbes und dem Schlachten eines Schweines in Frühjahr und Herbst die Hilfe einiger Leute aus der Nachbarschaft benötigt. Wenn die Kuh „angekommen war“ d.h. das neue Kalb die Geburt überlebt hatte, kam die Schnapsflasche auf den Tisch und die Helfer erhielten ihren Lohn in flüssiger Form.

Nach dem Schlachten, wenn das Fleisch gepökelt und die Wurst in der Pelle war, erhielten die Nachbarn eine „Sang“ in Form eines Stückes Bratenfleisch und einer Wurst. Diese Bräuche sind infolge der wirtschaftlichen Veränderungen leider untergegangen.

Zumachen

Bis in die 1980er Jahre wurde der Brauch des Zumachens am Hochzeitsabend gepflegt.
Freunde und Nachbarn verbarrikadierten die neue Wohnung des Brautpaares mit Karren und anderem sperrigen Gut. Erst nachdem das Brautpaar die „Zumächer“ mit genügend Alkohol milde gestimmt hatte, wurde der Wohnungseingang frei geräumt und der Bräutigam konnte seine frisch angetraute Ehefrau über die Schwelle tragen.Der Brauch des Zumachens wird heutzutage in der Form eines großen Umtrunkes vor der Hochzeit weitergeführt.

tl_files/kberg/Unser Ort/Zumachen-small.jpg

Familie & Nachbarschaft

Gemäß dem Grundsatz: „Mitfreude ist doppelte Freude und geteiltes Leid ist halbes Leid“ wurde jede persönliche Veränderung innerhalb von Groß-Familie und Nachbarschaft getragen. Die schlechten Zeiten wurden in gegenseitiger Hilfe zusammen durchgestanden und die guten Neuigkeiten zusammen gefeiert.

Die Geburt eines neuen Erdenbürgers sowie der Tod eines Mitmenschen wurden lediglich durch die „Ansage“ in Familie und Nachbarschaft bekannt gegeben. Die bevorstehende Hochzeit nahm eine Sonderstellung ein. Durch die drei Ausrufe in der Kirche war der Heiratstermin frühzeitig bekannt.

In der Woche vor dem Fest besuchte das Brautpaar oder deren Geschwister die Häuser der Tanten und Onkel sowie der Nachbarschaft, um den Verwandten und Bekannten mit einem guten Tröpfchen Dankbarkeit und Respekt zu bekunden.

Das große Schmücken

Ein anderer Brauch ist erst in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt gepflegt worden.

Zur grünen, silbernen und goldenen Hochzeit sammelt die Nachbarschaft in den Wäldern ringsum Tannengrün und kleine Bäume. Sie wickelt dann einen großen Kranz und schmückt das Haus der Festfamilie, die sich für diese Ehrengabe mit einigen kleinen Festen in ihrem Haus bedankt.

tl_files/kberg/Unser Ort/Schmuecken-small.jpg

Dorfgemeinschaft

Größere Aufgaben zur Sicherung des Lebensunterhaltes ließen und lassen sich nur gemeinsam im Dorfverbund meistern. Unabhängig von der staatlichen Verwaltung wurden in Kalterherberg seit dem Jahr 1880 Genossenschaften gegründet, deren wirtschaftlicher Erfolg allen Mitgliedern zu Gute kam und so Bargeld ins Dorf brachte.

Nachdem Kalterherberg an das Eisenbahnnetz angeschlossen war und Versand- sowie Empfangsmöglichkeiten für Waren in großem Umfang bestanden, gründete sich eine Beerenhandelsgenossenschaft zur Vermarktung der in Venn und Heide gepflückten Wald-, Preisel- und Moosbeeren.

Zur besseren und günstigeren Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln gründete sich Ende des 19. Jahrhunderts eine Konsumgenossenschaft, die zu Bestzeiten (1950 bis 1975) drei Verkaufsstellen betrieb. Nachdem die Discounter nach 1970 in unserer Gegend auftauchten, kam der gute alte Konsum ins Hintertreffen und wurde zum Ende des 20 Jahrhunderts aufgelöst.

Heute sind wir in Kalterherberg froh, wenigstens noch einen großen Laden für den Einkauf der Mittel des alltäglichen Bedarfs in Privatbesitz zu haben.

Parallel zum Genossenschaftsleben beginnt 1869 mit der Gründung des Kirchenchores das organisierte Vereinsleben in Kalterherberg.

War das Feuerlöschen in Alter Zeit eine wenig organisierte Aufgabe der Nachbarschaft, kam es Anfang der 20. Jahrhunderts zur Gründung einer freiwilligen Feuerwehr, die nun in organisierter Form und durch die öffentliche Hand unterstützt, gemäß dem Grundsatz „Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr“ im Notfalle die nötige Hilfe leistet.

Die Aktiven in den Vereinen haben durch ihre gemeinsamen Leistungen das friedliche Miteinander gefördert und bei überörtlichen Veranstaltungen die Fahnen des Dorfes bestens vertreten.

 

Quellen:
Textbaustein & Bilder - Archiv Berthold Thoma